Montag, 23. November 2009

Unwissenheit

In diesem Semester belege ich recht viele historische Veranstaltungen, primär zu NS etc. Was mir in der letzten Zeit immer mehr zu denken gibt, ist das Unwissen. Kommilitonen, die die Grundbegriffe dieser Geschichte nicht kennen, Unwissen, Unwillen...und für mich die Fragen, warum belegt man dann solche Veranstaltungen, die keine Pflicht sind. Interesse ja, das ist zu begrüßen, aber der Wunsch, alles vorgekaut zu bekommen und zwar festzustellen, dass vorausgesetztes Wissen nicht vorhanden ist und es sich dennoch nicht anzueignen, finde ich etwas bedenklich.
Im Übrigen stelle ich vermehrt fest, dass ich offensichtlich eine gute Schulbildung genossen habe. Das Thema NS war seit mindestes der fünften Klasse ein Thema (und ja, ich lebe noch). Aber auch später habe ich offensichtlich meinen Lehrern viel zu verdanken, denn ich habe mehr lernen dürfen, als es üblich ist. Mein Fehler nun ist, dass ich denke, dass das jeder in der Schule hatte - zumindest Menschen meines Alters und darunter.

Neulich war ich zu einer Lesung im "Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit" in Schöneweide. Rege wurde am Ende diskutiert über das Unwissen über die Pläne der Osterweiterung Deutschlands, über Zwangsarbeit etc. Ich war, muss ich gestehen, etwas irritiert. Denn spätestens während des Abiturs habe ich meinem Herrn B. reichlich Bildung zum Thema zu verdanken. Gut, auf die Strategien im Russlandfeldzug hätte ich verzichten können. Dennoch haben wir die Siedlungspolitik, die Verschleppung der Polen, Zwangsarbeit behandelt. Was passiert eigentlich heute in den Schulen? Dass NS erst zum zweiten Halbjahr der zehnten Klasse behandelt wird, ist gerade für die abschließenden Jahrgänge eine Katastrophe. Sind wir doch mal ehrlich, wer ist denn noch konzentriert in dieser Zeit, wenn man bald die Schule abschließt, sich bemüht, eine Lehrstelle zu bekommen, überhaupt einen Abschluss zu bekommen.
In meiner Arbeit höre ich immer wieder, dass gerade die jungen Leute lernen sollen. Nun, ich bin anderer Ansicht. Alle sollen lernen, sich selbst interessieren. Denn wie heißt es so schön, nur wer die Geschichte kennt, kann die Zukunft besser machen.
Blogged with the Flock Browser

Donnerstag, 19. November 2009

Die neue Bibliothek...



...der Humboldt Uni wurde heute offiziell eröffnet. Nutzbar ist sie schon ein paar Wochen. Die Bücher stehen oft noch nicht, wo sie irgendwann mal stehen sollen. Das erfordert Kreativität bei der Suche, bisher hat es bei mir aber immer geklappt. Inzwischen sind dort auch die vielen Zweigbibliotheken zum Großteil vereint. Das erspart Menschen wie mir, die an verschiedenen Instituten studieren eine Menge Reisearbeit. Ich muss gestehen: ich liebe die neue Bibliothek in ihrer Schlichtheit. Ich habe auch die Übergangslösung in der Hessischen Straße geliebt.

In dieser Woche hatte ich einen Seminarausfall und wollte so die Zeit in der Bibliothek nutzen. Eine Hausarbeit ist noch zu schreiben und nach hause fahren wollte ich vor dem nächsten Seminar nicht mehr. Also rein. Die Leseterrassen waren wegen Bauarbeiten gesperrt, sollten aber wieder geöffnet werden. Eine Chance also, einen Platz zu ergattern. Es ist mir gelungen. Ganz oben, ganz vorn, Blick nach unten. Großartig, wunderbar - aber! Aber was ich sah hat mich nach und nach mit Wut erfüllt. Wir alle kamen zur gleichen Zeit rein, die Plätze waren schnell belegt aber nicht von Studenten, die dort arbeiteten, sondern von Mänteln, ein paar Büchern und das war es dann - für Stunden. Ich habe an diesem Tag fünf Stunden dort gearbeitet und konnte beobachten, wie Plätze Mittags belegt wurden und bis ich ging, also drei, vier Stunden später nicht mehr aufgesucht wurden. Ich sah andere Studenten auf der Suche nach einem Arbeitsplatz, ohne Erfolg. Ich sah Studenten, die zwar an ihrem Platz saßen bzw. lagen und ihn für einen Mittagsschlaf nutzten. Nein, nicht für ein paar Minuten, für ein zwei Stunden.

Ich bin nach und nach immer wütender geworden. Es wird inzwischen geklagt, dass die Plätze nicht ausreichen würden. Das täten sie aber. Ich bin dafür, dass Plätze, die über einen bestimmten Zeitraum nicht besetzt sind, von den Angestellten der Bibliothek geräumt werden dürfen. Natürlich erfordert es mehr Arbeit - aber offensichtlich ist gegenseitige Rücksichtnahme inzwischen ein Fremdwort. Wenn dann mal die Sachen weg sind und jemand anderer am Platz sitzt, ist das vielleicht Lerneffekt genug, seine Zeit so zu planen, dass man wirklich nur arbeitet dort und nicht schläft, schwatzen, essen geht.

Und so sehne ich mich doch etwas zurück an die Hessische Straße, in der man immer einen Platz fand und gut und ruhig arbeiten konnte....
Blogged with the Flock Browser

Sonntag, 15. November 2009

Begegnung der dritten Art

Ein paar Tage vor dem 9. November auf dem Alexanderplatz. Ich schaute mir dort (endlich) die Ausstellung zum Mauerfall an. Immer scheue ich mich doch etwas an solche Orte zu gehen. Eine Mischung aus Gefühlen stürmt dort auf mich ein, die ich oft nicht bewältigen kann. Das Erinnern, anders erinnern als die Ausstellungsmacher, die bekannten Gesichter dieser meiner Kindheitszeit und das Wiederentdecken der Fähigkeiten, zwischen den Zeilen zu lesen. Der Galgenhumor dieser Zeit. All das lang vergraben, nicht mehr gebraucht.

Ich streunte also etwas über den Platz und sah ein paar Aufkleber auf Säulen. Aufkleber, wie man sie immer mal sieht und die ich oft, so sie gewissen Inhalt bergen, versuche abzureißen. Diese Aufkleber aber verschlugen mir die Sprache. Sie riefen zum Ende des gemeinsamen Deutschlands auf. 20 Jahre seien genug. Nun möge man denken, naja, lass sie reden. Die Gruppe aber, die diese Aufkleber verbreitet ist noch immer bekannt und was mich doch überraschte: aktiv. Die Gruppe heißt FDJ - Freie Deutsche Jugend. Nein, ich werde jetzt nicht auf deren Seite verlinken. Man möge selbst suchen.

Dann sah ich ein Transparent aufgestellt, zwei Jugendliche, der eine noch ein Kind davor.


Auf Nachfrage, was dieses bedeuten soll. Wurde mitgeteilt, dass das vereinte Deutschland eine Gefahr für die Welt sei, da der Militarismus in ihm gefährlich sei. Die Mauer wurde errichtet, um das "gute" Deutschland vor dem "bösen" zu schützen. Man habe zwei Zeitungsausschnitte ausmachen können, in denen selbst der US-Außenminister zum Bau einer Mauer aufgerufen hätte. Diese Artikel allerdings konnte man nicht vorweisen. Kurz und gut. Da stehen also zwei Kinder und plappern etwas nach, sie denken nicht nach. Wissen nicht wie gut es ihnen heute geht und glauben allen ernstes, was sie dort von sich geben. Die Mauer wurde zum Schutz der Menschen in ihr gebaut. Warum dann aber soviel flüchten wollten, konnten sie auch nicht sagen. Vermutung: Beeinflussung durch den Westen.
Ich bin einiges gewöhnt. Habe genügend Sitzungen der Altkader erleben dürfen. Applaus für die Grenzsoldaten, die heldisch Menschen erschossen, die doch nur in Freiheit leben wollten. Ich habe erlebt, wie die alten Seilschaften selbstverständlich weiterfunktionieren. Heute noch besser, da die Ex-SED gesellschaftsfähig geworden ist. Ich habe junge Linke erlebt, denen die SPD nicht mehr links genug war...aber das, das kannte ich noch nicht. Ich hoffe sehr, dass diese Kinder erwachen. Anfangen selbst zu denken, zu hinterfragen, helfen, diesen Staat hier besser zu machen anstatt sich nach etwas zu sehnen, was sie (glücklicherweise) nicht mehr kennenlernen mussten.

Achja, eine Frage hat mich eigentlich schon damals in der Schule beschäftigt. Ich hatte sie etwas anders gefragt und bin beinahe von der Schule geflogen. Dass Konzept der DDR Jugendorganisationen geht sehr parralel zu dem der HJ. Das ist nicht wiederlegbar. Aber warum bitte, hat die FDJ quasi das Emblem der HJ nur mit anderen Farben übernommen: Die aufsteigende strahlende Sonne?
Blogged with the Flock Browser

Donnerstag, 12. November 2009

Der andere 9. November

In diesem Jahr stand der 9. November unübersehbar im Zeichen des Mauerfalls. Es scheint, die andere Bedeutung des Tages sei übersehen worden. Ich muss gestehen, dass ich keine der Reden zum Mauerfalljubiläum gehört habe. Vielleicht gab es Hinweise zu den zwei Seiten diesen Tages der Deutschen.

Wer allerdings etwas suchte zur Pogromnacht, der konnte in Berlin nicht all zu viel finden. Vielleicht ist die Energie nach dem letzte Jahr raus. Auf Nachfrage in einem touristischen Geschäft, bekam ich die Antwort: "Oh, das war doch letztes Jahr!". Für mich ein Zeichen, dass dieser Tag im letzten Jahr eben doch in Erinnerung blieb. In diesem Jahr aber:

- eine "Szenische Kollage" zum 80. Geburtstag Anne Franks
- Vorstellung eines Gedenkbuches der Charlottenburger Juden
- Texte und Inszenierung von Jugendlichen zweier Kirchengemeinden
- Robert Kreis singt (mal wieder) "Verehrt, Verfolgt, Vergessen"

Nun, ehrlich... sind das nicht eher Veranstaltungen für die Veranstalter selbst? Ist es wirklich etwas, was Menschen bewegt? Sie an einem Tag, der geradde in diesem Jahr so sehr von anderen Erinnerungen eingenommen wird, in eine andere Stimmung versetzen kann? Oder ist man gleich von vorhinein davon ausgegangen, dass man eh keine Chance gegen die Feier um das Brandenburger Tor hätte?

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, ein gutes Programm entstehen zu lassen. Und diese Veranstaltungen sind ebenso selten gut besucht. In München las man in diesem Jahr Namen am 9. November...in anderen Städten Europas auch. Vielleicht sollte man 71 Jahre nach der Nacht darüber nachdenken, eine Tradition einzuführen, die man zumindest in allen deutschen Großstädten finden könnte. Denn, wenn wir es genau betrachten, wird vor allem von außerhalb der deutschen Grenzen erwartet, dass dieser Tag in irgend einer Weise begangen wird. Dass man in Berlin z.B. die Namen der ermordeten Berliner Juden zum Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto gelesen wird, wird nicht erwartet.

Ja, nur ein paar Gedanken zur Vereinbarkeit diesen Tages mit seiner Geschichte - vielleicht der Gedenktag der Deutschen. Zeit, nachzudenken. Ich hoffe es. Die nächsten Jahre werden wohl wieder ruhiger werden.


Blogged with the Flock Browser

Gemischte Gefühle

In der letzten Woche habe ich mich aufgemacht an einen Ort, von dem viel gesprochen wurde, ich mich aber immer gescheut habe, ihn zu besuchen. Gescheut warum? Nun, ich hatte Angst vor meinen Reaktionen. Vor ein paar Jahren war ich zu einer Führung in der Zentrale der Staatssicherheit in Lichtenberg. Es war eine Führung durch die Archive. Die Ausstellung sah ich nicht. Die Archive aber...nun, es war seltsam. Ich wusste, dass zwischen den Briefen, die inzwischen auch bearbeitet wurden, um sie den eigentlichen Besitzern zuzuordnen auch Post für unsere Familie dabei war. Erinnerungen kamen...es war mir nicht gut.

Nun also der Weg nach Hohenschönhausen. Auf dem Weg schon Herzklopfen, Unwohlsein. Dann das Überschreiten der Grenze zu diesem ehemaligen Sperrgebiet.




Die Mauern erschienen, die Mauern, die den eigentlichen Gefängniskomplex begrenzten. Und mir wurde etwas weich. Viele Menschen waren unterwegs. Kein Wunder, war es doch so kurz vor dem Jahrestag des Mauerfalls. Nun also eine Führung gesucht, ohne geht es dort (leider) nicht. Die Gruppe war riesig, zu groß, viel zu groß um ein Gefühl aufkommen zu lassen. Der Guide Herr Bernauer, mit ein starken Stimme gesegnet, aber mit wenig Gefühl. Man konnte ihm zu sehr anmerken, dass dies wohl nicht die erste Führung des Tages war, dass er genervt war von den Besuchern, auch vielleicht von der Unwissenheit der Menschen. Ich kann es verstehen, dennoch darf man es nicht zeigen. Die Führung war, nun ja, ich weiß nicht, was ich erwartete, aber Herr Bernauer schaffte es binnen Sekunden, meine weichen Knie, meine Gefühle an diesem Ort auszutauschen. Das ist nichts Positives. Es wurde heruntergeleiert, belehrt und nun ja. Ich hätte mir auch eine Verbindung zur heutigen Zeit gewünscht. Sind die dort angewandten Methoden tatsächlich so neu gewesen? Werden sie nicht auch heute noch angewandt? Wir wissen alle, dass dieses Gefängnis kein normales Gefängnis war. Aber was ist Guantanamo?

Nun ja, es war auch seltsam in dieser internationalen Gruppe die einzige zu sein, die eine Verbindung hat. Die einzige Verbindung die der Guide hatte, waren die Grenzkontrollen bei seinen Besuchen in Ostberlin. Wie nun hätte man diese Führung meiner Meinung nach besser gestalten können? Die Verbindung zum heute habe ich erwähnt. Man hätte z.B. den Weg eines dort Inhaftierten nachzeichnen können. Die "Gründe", die ihn dort hin brachten, die "Behandlung"...es hätte das Ganze persönlicher, berührender und nicht so anonym gestaltet.

Dennoch sollte man einmal dort gewesen sein und sei es auch nur, um die Ausmaße zu sehen. Der größere Teil des Geländes sind heute Wohnungen, Gewerbe...



Und was bleibt sind die Blumen....