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Dachau

Wieder München. Es war noch Zeit bis zum Termin. Die Frage, nach Dachau? Ich hatte die Wahl. Will ich das wirklich? Will ich all das sehen?

Ankunft auf dem Parkplatz. Die Sonne kam etwas raus. Mir ist schlecht. Ich arbeite nun schon so lange auf diesem Gebiet. Und nein, ich kann keinen Abstand nehmen - wenn es irgendwie mich persönlich betrifft, bzw. in diesem Fall meine Familie. Es ist anders. Es ist ganz ganz anders. Ich erinnerte mich an meinen ersten Besuch in Hohenschönhausen. Ich konnte kaum einen Fuß vor den anderen setzen. Jetzt war es ähnlich. Es würden keine Menschenmassen warten, die jedes Gefühl durch Geräusch und Blitzlichtgewitter zunichte machen würden. Es war ein normaler Dienstag in einer normalen Woche. Busse standen auf dem Parkplatz. Ich gab mir einen letzten Ruck. Ich wollte das und ich wollte es jetzt. Also los.

Auf dem kleinen Steg vom Parkplatz zum Weg zur Gedenkstätte kamen mir schon die ersten glucksenden Teenager entgegen. Ich empfand Verwirrung. Und gleichzeitig frage ich mich, warum ich erwarte, dass sie genau so betroffen wie ich sein sollten? Erwartete ich das überhaupt? Ich bin doch nie so. Und nein, ich erwartete das nicht. Ich war neidisch. Ich wollte auch so unbeschwert sein. Ich wollte dieses "Erinnern Sie sich noch daran, als Sie keine Probleme zu haben schienen?". Ich hatte das nicht, noch nie. Ich weiß gar nicht, wie das ist. Und doch, es ist gut, dass diese Schwere die Generationen verlässt, vielleicht.

Der Eingang, die Zufahrt, das fehlende Tor. Der Urgroßvater...ging er hier auch durch? Musste er dieses Lager mitbauen? Es ist wahrscheinlich. Der Schritt hindurch. Nichts passiert. Das Lager abschreiten, weg von den Gruppen, den Audioguides - und ja auch von den glucksenden Jugendlichen mit ihren glucksenden Lehrern. Die Steine unter meinen Füßen. Und die Gedanken daran, warum mich dieser Ort doch so sehr berührte. War er doch mit den fehlenden Baracken so abstrakt.
Ich weiß die Antwort. Die Verbindung. Es ist das dritte Lager, das ich besuchte, mit dem ich persönlich wissentlich eine Bindung habe. Eine kleine, aber sie ist da. Sie spielte eine Rolle - nicht nur in meinem Leben. Ich weiß so vieles nicht von meiner Familie. Das ist eines der wenigen Dinge, die ich weiß. Dachau.

Aus den Bäumen scheint ein hölzerner Zwiebelturm hervor. Geradezu ein merkwürdiger Betonbau. Ich wusste vom Kloster außerhalb der Gedenkstättenmauer. Das hier irritierte mich. Der Graben, hier hinten wieder hergestellt. Das Tor. der Stacheldraht.



Über die Brücke. Extra Tore, sie stehen auf. Frische Blumenkränze an Statue. Richtig, Volkstrauertag. Man hat zu trauern und hakt es ab. Ich ging vorbei. Vorbei am Backsteinhaus, dessen Bedeutung ich kannte. Ich konnte es noch nicht. Gefühle beruhigen. Hinten zum Davidstern. Da ist Schutz, irgendwie. Ruhe. Hier hinten, wo all die Aschegräber sind. Schlicht. Die Erschießungsplätze. Ohne Bilder ohne Beschriftungen, einfach nur Ort und Natur. Hier hinten fand ich den Moment der Ruhe. Innehalten zwischen all dem Hoch und Runter, dass mich "da draußen" beschäftigte. Ein Weg zwischen Bäumen. Für mich im Rückblick, der wirkliche Ort des Gedenkens. Nicht die riesigen Mahnmale, Inschriften, die einem in aller Schwere die Gefühle zu diktieren suchen.
Wieder beim Mann mit den Kränzen. Luft holen. Backsteinhaus. Andersherum. Menschenöfen. Im Hintergrund die Hinweise zum Defibrilator und Erste Hilfe Kasten. Der Arbeitsschutz lässt auch hier grüßen. Über Dir die Balken für die Erhängungen. Weiter....ein Flur, eine Dusche....eine solche Dusche. Kurzes Verharren. Ganz allein. Der Schritt hinaus. Ich bin wieder hinausgegangen. Ihr könnt mich mal.


Eine Schulgruppe kommt herein gestürmt. Kaum älter als zwölf oder dreizehn. Plaudernde Lehrer. Ich bin froh, wieder raus zu sein. Von draußen sehe ich rennende wippende Rucksäcke durch die Räume fegen. Vorm alten Krematorium Stille. Das alte Krematorium...das wird er auch gesehen haben. Musste er hier arbeiten?

Wieder aufs Lagergelände. Ganz hinten. Völlige Abstraktion. Betonbaukirche. Riesiger Rundturm. Schwarzes Gebilde, das abgekippt zu sein scheint. Irgendwo ein Schild. Evangelische Kirche, Katholische Kapelle, Jüdische Gedenkstätte. Ich wundere mich. Steuere diesen Menoraturm an. Kein Mensch weit und breit. Ich gehe hinab. Was wollte uns der Künstler damit sagen? Ein Psalm über dem Eingang. Kaum lesbar. Zwei Tafeln links und rechts, Deutsch und Ivrith mit unsäglichem Spätsechzigertext. Ich gehe hinein. Wieder ein Eisentor. Drinnen vernachlässigte Leere. Ein paar einsame Teelichter, längst ausgebrannt stehen in den zu vielen Nischen, die einst dafür erdacht wurden. Das Pult - leer. Jiskor (Erinnere) steht darüber. Was darunter war, lang weg. Die angebrachten Fackeln haben mit Sicherheit auch lang kein Licht mehr getragen. Warum eigentlich Fackeln? Von oben aber, Licht. Ich fühle mich sehr an den Holocaustturm im Jüdischen Museum erinnert. Es ist ein deutliches Symbol und funktioniert immer - zumindest bei mir.
Wieder raus. Irritiert. Runter die Lagerstraße. An einzelnen Barackennummern stehen frische und verwelkte Blumen. Ganz vor links in die Baracke. Nachbau der Einrichtung. Mehrwürdiges Konzept, das den Schildern nach alt erscheint - es funktioniert. Ein Referent erklärt einer Schulklasse etwas von vorgeschriebenen Quadratmetern für Tiere. Ein Bild. Es funktioniert.
Ich bin müde. Die Ausstellung. Das Museumsauge schaltet sich ein und befindet: zu viel Platz, zuwenig gesagt. Größe von Informationswänden kann nicht ausgleichen. Vielleicht weniger Raum für Text und mehr Freiraum lassen. Die Räume allein wirkten viel mehr. Museumsauge eben.

Raus, weg. Kommunikation und Fragen. Fragen, die ich niemandem mehr stellen kann. Der Urgroßvater ist nach einer Lagerodyssee irgendwann verschwunden. Niemand weiß etwas. Auch nicht die Archive. Ein Kaffee und Brezel in der Cafeteria mit aufgereihten Bänken. Ich sollte doch einen anderen Job beginnen. Dieser Blick, wenn auch reflektiert, er nervt bisweilen. Ich will Dinge auch nicht immer sehen (müssen). Das Gebäude schön. Schlicht. Fast meditativ. Der Buchladen geschlossen. An ihm prangt das Logo der Literaturhandlung. Nun ja, in und um München kommt man wohl an diesen Orten nicht an ihr vorbei. Erinnerungen....

Parkplatz. Der nächste Bus kommt an. Abfahrt. Nach München. Vor dem Ausgang Werbung für Gasflaschenservice. Ich schmunzle.
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Ausstellungsrundgang: WEST:BERLIN

Am vergangenen Donnerstag, eine Woche nach Eröffnung der Ausstellung WEST:BERLIN war es also soweit, endlich mal wieder ein MuseUP.

Zunächst ging es aber, ganz entgegen dem Titel in den Osten, ins Nicolaiviertel zum Ephraim Palais, dessen Geschichte allein schon einen eigenen Beitrag wert wäre. Sticht es doch noch heute so heraus an der riesigen Stadtstraße, die doch mehr Autobahn ist.


Die Ausstellung an sich nimmt das gesamte Haus über alle Etagen ein. Allerdings sieht man innen nicht viel vom Palais selbst, das Treppenhaus gibt eine Ahnung. Allerdings wäre es auch Fehl am Platzte, geht es doch hier und heute um eines: Westberlin.

Innerhalb kürzester Zeit ist es den Ausstellungsmachern gelungen, Kuriositäten, Kunstwerke, Fotografien, Videos, Musik zu einem Gesamtbild zusammenzustellen. In dem zwar auch viel fehlt, das aber genug Bild gibt, einen kleinen Eindruck über diese Insel im Meer des Graus zu bekommen. Selbst für mich, die ich zu jung gewesen wäre und sowieso bis 89 für einen Besuch mit dem Leben bezahlt hätte, fand sie Vieles, was die Erinnerung wieder erweckte. Auf die Tweets während des MuseUps kamen auch Reaktionen von alten Westberlinern, die Lust gemacht hätten, mit ihnen die Ausstellung zu besuchen. Vielleicht gelingt es ja noch.

Es ist eine Ausstellung, die vor allem eines möchte: unterhalten. Zwar gibt es geschichtliche Rückblicke, warum und wieso überhaupt Westberlin? Weshalb ist die Insel entstanden, wie wurde sie versorgt, doch schienen mir die Kapitel doch eher in den Hintergrund zu treten zwischen all dem "Ah, kuck mal, weißte noch?"

Eine Ausstellung der Bilder, der Objekte und der Musik. Eine Ausstellung, die Spaß macht und in all dem Mauerfalltaumel auch ein Denkmal setzt für eine Stadt, die es auch nicht mehr gibt. Eine Stadt, in der es wunderbar gewesen sein musste, jung zu sein.



Doch nun, statt vieler Worte, einfach noch ein paar Schnappschüsse. Und danke an das Team von WEST:BERLIN, dass wir an diesem Abend fotografieren durften.

BERLIN BLEIBT FREI. Rolf Goetze: 1. Mai Kundgebung auf dem Platz vor dem Reichstag, 1959
Mit dem Fahrrad durch die DDR. Einreise mit dem Rad in die DDR war eigentlich verboten, aber es gab Tricks.

Nilpferd Knautschke darf natürlich nicht fehlen.
Die Ausstellung läuft noch bis 28. Juni 2015, Montags ist sie geschlossen, jeden ersten Mittwoch im Monat gibt es freien Eintritt, sonst 7,-, erm. 5,- €. Und für die arbeitenden Berliner: Am Mittwoch ist sie auch bis 20 Uhr geöffnet! Unbedingt hingehen, es lohnt sich!
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Mord und Sippenhaft

Menschen werden beim Beten getötet. Sie werden nicht aus der Distanz mit Bomben oder Gewehrsalven getötet, sie werden direkt, Auge in Auge ermordet. Sie werden beim Beten getötet. Ein Tabubruch, ein schrecklicher. Spätestens hier, dürfte auch dem letzten klar sein, dass wir beim grausamsten aller Kriegsthemen ankommen: Religion. Irrational und nie mit Lösung. Ich sitze da und bin fassungslos, im wahrsten Sinne.

Hilflosigkeit macht sich breit. Denn, wenn man nicht einmal mehr im Ort des Gebets, Frieden finden kann, wo dann? Ich habe ein leises Gefühl der Gefühle von Menschen in Jerusalem, in Israel. Ich kann es nie vollends verstehen und maße es mir nicht an. Ich fühle Schockstarre.

Und dennoch musste man suchen, um zur Nachricht zu gelangen, dass Abbas dieses Anschlag verurteilte, aufs Schärfste. Und dennoch werden die Rufe nach Vergeltung laut. Vergeltung - ich verstehe das nicht. Ist es nicht Vergeltung genug, dass die Attentäter erschossen wurden, während ihrer Tat?

Ich verstehe nicht, dass das Zerstören der Häuser der Familien irgendetwas dazu beitragen könnte, dass es keine Anschläge mehr gäbe, dass es Menschen sagen ließe: "Oh, ja, klar, die haben das Haus meiner Familie zerstört, die haben ja recht, der/die/das hatte mit seinem Anschlag unrecht, wir leben jetzt auf der Straße und haben Verständnis...". Ja, ich weiß, das ist jetzt sehr polemisch. Aber dennoch: würde ich anders denken? Würde nicht jeder Gedanke der Wut und der Verzweiflung, über die Tat eines Familienangehörigen nicht im Keime erstickt werden? Kehrt die Heimlosigkeit nicht alle klaren Gedanken in das Gegenteil? Zeigt es den Kindern nicht, dass der Attentäter in der Familie recht hatte? Dass man auch so werden soll und muss? Dass man auch losziehen muss, den nächsten Israeli töten?

Eine sich immer höher schraubende Spirale in dem niemand mehr klare Gedanken zu fassen scheint - bis dahin, dass man Menschen im Gebet tötet.

Ja, ich mag naiv sein. Ja, ich meine, Sippenhaft ist kein Mittel. Ich meine, Frieden und Handreichung erfordert mehr als menschlich meist möglich ist. Aber immer wieder - Sippenhaft ist kein Mittel, nie. 

Tiefes Grau und Tod und Leben

Es sind diese Tage, diese unendlich grauen Tage, wenn das Pulsieren der Großstadt nur ein Gerücht scheint. Wenn aufgeregte Touristen deprimiert in leisen Cafés sitzen und nicht fassen können, was das nun ist, dieses Berlin. Wo es ist, das Berlin der Reiseführer. In der Nacht verzweifelte Versuche, es zu finden. Doch Berlin schläft bis der Sommer wieder kommt.

Und dann diese Tage, die so in dieses Bild rutschen. Dunkelgraue Tage, die einen in den Wald führen. In den Wald, um einen Menschen das letzte Mal zu begleiten. Viele Menschen wollten das tun, gestern an diesem grauen Tag. Und irgendwie ist es seltsam, dass dieser Mensch nicht mehr da sein soll. Das Rascheln des Laubs....der persönlichere Abschied als in einer Kapelle. Die fehlenden Rituale, die doch Menschen leiten sollen. Schön war das. Und dennoch, in mir erklang ein Kaddisch. Kaddisch für einen Menschen, der doch mit diesem Teil meines Lebens nichts zu tun hatte. Es war wieder so ein Tag, an dem ich erkannte, wie tief all das verwurzelt ist. Wie wenig Unterschied es macht, nicht mehr in die Synagoge zu gehen. Wie wenig Unterschied es macht, wenn das Leben vorbei rast. In diesen Momenten, bin ich doch da, wo ich immer war und bin. Dort, wo ich das Leben weiß, dort, wo alles einen Sinn ergibt. Dort, wo Mensch, Mensch sein darf. Dort, wo die Politik und der Hass außen vor bleibt. Zurück, zu den Wurzeln ohne Polemik. Zuhause.

Und dann nimmst Du es mit, das Laubrascheln. Den hohen schlanken Baum, der jetzt die Geschichte eines Lebens birgt. Du blätterst durch die Grafiken. Amüsierst Dich über den Humor, der schon immer in ihnen war und weißt, dass er mit diesen kleinen und großen Bildern, Dir etwas mitgegeben hat - fürs Leben. Etwas, was Du jetzt so viele Jahre danach wieder liest, anders liest. Und es ist gut.


Es sind diese erschöpfenden Tage, die dann doch noch mehr verlangen. Die verlangen nach dem Abschied das Leben zu feiern. Du willst nicht. Die Gedanken sind noch im Wald. bei den Menschen, von denen Du nur vereinzelt Erinnerungen hattest. Und Du merkst, dass Deine Erinnerungen andere sind. Auch, das raubt ein Stück von Dir. Und draußen ist es kalt. Du versuchst den Tag zu retten. Gespräche, Nähe....aber irgendwie treibst Du in einem Strudel und willst hinaus. Willst weg. Alles kann doch so schnell vorbei sein.

Zuhause, kriechst Du ins Bett. Es ist kalt. Der Wald, er war kalt. Das Laub...die Pilze. Schön. Und dennoch. Träume kommen, Erschöpfung. Du schläfst unruhig. Die Pflicht. Pflicht, Einladungen zu folgen. Du schleppst Dich. Weißt, es werden Menschen da sein, die Du liebst. Menschen, die aufgeregt diesen Tag bereitet haben, um das Leben eines anderen zu feiern. In Dir erscheint alles absurd. Da am Selbstmörderbecken...
Doch langsam, dort, kriecht die Freude auch in Dich. Draußen ist es dunkel. Das Grau nicht mehr zu sehen. Das Wasser glitzert ruhig. Drinnen Reden von Liebe, Familie, Fotos...und endlich Musik. Das Reden hat ein Ende. Es ist manchmal besser nicht zu reden. Die Lebensfreude kriecht und kriecht. Sie kitzelt an Deinen Zehen. Findet einen Eingang, krabbelt Deine Beine hoch. Du schaust auf die tanzenden lachenden Menschen und wunderst Dich. Dieses seltsame Gefühl, dass Du meinst, es müssten doch alle stehenbleiben, im Angesicht des Todes. Sie tun es nicht, sie wissen es nicht. Sie tanzen gegen den Tod, gegen das Grau der Stadt, tanzen gegen den täglichen Kampf. Einfach vergessen. Und während Du schaust, hat es Dich selbst eingenommen. Freude. Das Leben kann schön sein. Bist Du noch so müde. Du musst es nur sehen, fühlen....lass es in Dich krabbeln. Vergiss, was kommen wird. Vergiss den Preis.

Wir sollen leben, leben, leben, solange wir können. Wir sollen Freude bereiten, einander. Es gelingt nicht immer. Doch die Welt wäre eine bessere, wenn wir daran dächten. In Nächten wie diesen, die so nah an anderem liegen, glaube ich daran, dass es ginge. Diese Lebensfreude, sie steckt irgendwo. Sie muss gekitzelt werden. Manchmal von anderen.


Und nun sitze ich hier, versuche die Spuren der Nacht zu vertreiben und wundere mich noch immer über diesen seltsamen Tag. Ich schaue raus auf kahle Bäume, auf rauchende Schornsteine. Alles grau, alles düster. Aber gestern Nacht, da glitzerte das Leben so ganz nah am Tod. Es war ein guter Tag, trotz allem.
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5 Jahre zuvor, Erinnerung an ein Jubiläum

Heute, am 9. November scheint Deutschland im Taumel zu sein, wieder ein Taumel. Manch einer denkt noch an die Pogromnacht, manch einer noch an all die anderen Dinge, die an diesem deutschesten aller Tage geschahen.


Ich denke jetzt und hier an meinen ganz persönlichen Tag. Das letzte Jubiläum, der 9. November 2009. Die Zeit ist gerast. Es war eines der glücklichsten Tage meines Lebens und seit dem immer verbunden mit diesem grauen Tag, wie heute.

Damals war es kalt, viel kälter als heute, es hat fürchterlich geregnet und durch die Stadt waren diese Dominomauerstücken aufgestellt.
Und ich? Ich finde dieses Brimborium bis heute albern, denke bis heute, dass man mit all dem Geld, der für diesen Kitsch verwandt wird auch gut und gerne den Opfern helfen könnte und vielleicht auch aktuell viel zur Verbesserung der Situation der Flüchtlinge in diesem Land tun könnte. Doch das spielt jetzt und hier in diesen Zeilen nur eine Nebenrolle, denn das hier ist eine Art Liebesbrief. You will read it, I know...

Wir waren wieder zusammen. Etwas, an das wir vielleicht selbst nicht glaubten. Du hattest es geschafft, zu diesem Tag in die Stadt zu kommen. Tage, im privaten Taumel. Tage, die mir auch begreiflich machten, dass man anders auf diesen 9. November schauen kann. Mit Neugier. Nicht mit verpflichteter Betroffenheit. Tage die mir zeigten, dass alles geht an diesem Tag. Und Tage, in denen ich mit Dir sein durfte und nichts aber auch nichts mehr schien, schaden zu können. Mit Dir konnte ich einfach nur sein, wer ich bin. Ich musste nichts erklären. Keinen Zwiespalt zwischen diesen 9. Novembern, keinen Zwiespalt zwischen meiner Herkunft. Ich konnte Dir alles sagen, ohne dass Du geschockt warst. Du warst einfach nur neugierig. Ohne all dieses Selbstverbieten, dass (uns) Deutschen doch so eigen ist. Du hattest einfach nur das Strahlen in den Augen und das Glück darüber, dass wir uns ohne all das doch nie kennengelernt hätten. Und doch schienen unsere Begegnungen durch die deutsche Geschichte geprägt. Das erste Mal war es die Shoa, die Dich nach Deutschland brachte, nun das Mauerfalljubiläum...und ich, die ich irgendwie zwischen all dem war.

Ich liebte Dich so dafür, wie Du alles betrachtetest, ohne Gültigkeitsansprüche. Ich liebe Dich noch immer dafür. Ich liebte Dich für das Hinterfragen, für das Wundern und das Amüsieren über "diese Deutschen", ohne Überheblichkeit. Doch eines blieb immer: "Ihr seid zu ernst, Ihr solltet mehr tanzen.". Heute bist Du unglücklich in Deinem Land, das doch immer so offen war und sich immer mehr schließt und verschließt, in dem Hierarchien inzwischen wichtiger zu sein scheinen als denkende fühlende Menschen...es gibt mir zu denken. Unsere Kontakte sind seltener geworden, aber sie sind noch da. Noch immer umgibt mich Deine Stimme wie eine warme Decke, in die ich mich einhülle.Wir leben unsere Leben, gute Leben heute, fern voneinander.

Was bleibt, trotz allem ist unsere Liebe. Und der Tee und Champagner am 9. November im Lustgarten...Thank you for everything, thank you for being you.





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Die Tage davor - alljährliche Gedanken Anfang November

Es ist seltsam. Immer im November befällt mich diese unendlich scheinende Melancholie. Sie kommt ganz automatisch. November in Deutschland, in Berlin...er kann vielleicht nichts anderes bringen als das.

Der 9. November rückt näher. Die Tage davor sind begleitet von den Erinnerungen. In diesem Jahr von Gesprächen. Damals. Freunde, Wegbegleiter, Kindheitsstücke verschwinden nach und nach und viel zu früh und fast scheint es, als würden die Geschichten verschwinden. Als will sie niemand mehr hören. Es war soviel bevor die Menschen auf die Straße gingen. Es ist nicht schlagzeilenfähig.

Vor ein paar Tagen erschien eine Kolumne in der Welt. Der Titel provokant, der Text mit erstaunlich wenig Reaktion: "Was Ossis und Juden gemeinsam haben". Ein kurzer kleiner Text, der im Gegensatz zu seinem Titel nicht gleichsetzen will, sondern lediglich zum Denken anregen sollte, was hier eigentlich passiert:

Und heute, 25 Jahre nach dem Mauerfall? Während ehemalige Grenzwächter, Stasi-Spitzel und -Zuträger wieder Schüler unterrichten, Mandanten verteidigen, in Parlamenten sitzen und ungestört zwischen Plattenbauwohnung und Datsche ihren Lebensabend verbringen, versuchen die Opfer mühsam und meist vergeblich, das ihnen gestohlene Leben wiederzugewinnen. Ihre Trauer und ihre Pein bleiben abermals verborgen im Dunkeln der DDR-Folterkeller.

Just ein paar Tage zuvor regte sich Unmut bei einer Kollegin. Die Direktorin der Grundschule ihrer Tochter, agierte (wieder) nicht so, wie es die Eltern der Schule wollten. Nichts ungewöhnliches. Was sie erst jetzt herausbekam war, dass die Leiterin des Montessoribereichs dieser Schule, eine Frau, die heute auch andere Lehrer unterrichtet, vor mehr als 25 Jahren auch an dieser Schule war - als Staatsbürgerkundelehrerin, mit ihrer Kollegin von selber Profession, die nun Direktorin ist.  Überrascht es mich? Nein. Kein Lehrer wurde "entfernt", niemand überprüft, wie auch die Berliner Verwaltung, wenn nur in den Führungsebenen je überprüft wurde. Die einzigen, die die Schulen verlassen mussten waren die Pionierleiter. Alle anderen durften sich bei unbrauchbar gewordenen Fächern eins zwei neue erwählen und sie im Turbogang lernen. Und jetzt? Empörung. Und jetzt? Es ändert sich nichts. Vielleicht braucht es diese Erlebnisse in diesem Berlin, in dem sich Ost und West nun einfach mehr vermengen. Vielleicht braucht es die Eltern, die bewusst in den Osten zogen, um jetzt vielleicht zu hinterfragen, wie all das passieren kann.
Ich selbst erinnere mich an Lehrer, die nachdem man BRD war, aus ihrem Berufsverbot zurückkehrten und wieder Lehrer sein durften. Lehrer sein wollten. Etwas, was ihnen der Staat versagte. Sie wurden von den (alten) Kollegen geschnitten, gemieden, teils gemobbt. Eine hielt es nicht mehr aus und gab auf. Geschichten, über die niemand redet, zu all den 25er Feiern.

Eine Austellung wird gezeigt mit abfotografierten Bildern des MfS. Ohne Kommentare. Mit unglaublicher Kälte und Distanz. Bilder von ermordeten Grenzopfern auf dem Obduktionstisch, Bilder einer bei der Flucht gefassten Familie, die gerade ihren Vater verlor. Alles künstlerisch benutzt, alles ausgeschlachtet. Ohne Gefühl, ohne Mitgefühl und immer wieder Kälte.
Niemand muss nachvollziehen können, was damals war, wie es den Menschen ging, mit welcher Verzweiflung sie dieses Gefängnis, das ein Land war, verlassen zu wollen. Ich erwarte allerdings Respekt mit den Opfern. Ein Zeigen verbietet sich mir. Es widert mich an und ich bin entsetzt über die Galerie, die es "im Rahmen des Monats der Fotografie" zeigt, als auch von der Stiftung Aufarbeitung, die es großzügig förderte. Das gleiche Projekt mit den Opfern der Nazis? Undenkbar. Doch so lässt sich Geld verdienen. Es passt ja auch so gut in dieses Jubiläumsjahr. Und alles, was mir bleibt ist Zynismus.

Und dann sind da diese kleinen Momente der Gespräche mit Menschen, für die der Mauerfall kein "ja, das war ja sooo weit weg, das hat mich gar nicht interessiert" ist. Austausch der Erinnerungen. Plötzliche tiefe Gespräche, Nachdenken über dieses Land in dem wir jetzt leben. Da sind sie wieder, die Verbindungen, die all das möglich machten.


Der Spaziergang mit der Mutter durch den herbstlichen Park. Park der Kindheit. Gespräche - über damals natürlich. Darüber, wie ihre Mutter in Berlin war, damit, falls man sie holt, niemand mich hole. Ich kann mich daran nicht mehr erinnern. Ich kann mich nicht entsinnen, dass meine Großmutter, um die Straße am 5. November im Blick zu haben, stundenlang die Fenster schrubbte. Dass sie die Kerzen in den Fenstern immer wieder entfachte. Dass sie, die sie doch schon diesen Krieg erleben musste, unglaubliche Angst gehabt haben musste, wie sie die Zeit ihres Lebens hatte, aber nie zeigte.
Und dann dieses selbstverständliche Abbiegen. Dorthin, wo wir bis vor 25 Jahren nie im Leben durften. Ein Gang, der inzwischen für meine Mutter auf ihren Hundegängen normal geworden war. Der Gang entlang des Streifenweges an der Mauer zum Schloss Schönhausen. Einmal herum um den Park mit seinen wunderschönen Bäumen. Einmal um das Schloss, was hinten aufleuchtet in neuer Pracht und von dessen Geschichte die neuen Anwohner in den teuren Wohnungen vermutlich nichts wissen. Es ist eben ein Schloss. Ja, da war mal was mit DDR...ja, da ist ein lila Bad drin. Aber da war auch der Runde Tisch, der Hoffnung barg.

Ich wundere mich sehr und höre schon leise die Schlussstrich Rufe.

Und die Opfer des Staates? Wir werden nicht stiller...wir lernten aus dem, was in diesem Land schon einmal geschah...und wir werden weiter daran erinnern und den Finger in die Wunde legen.

Ein Satz, den ich bisher nur in jüdischem Gedenkzusammenhang sagte, beginnt allmählich, sich auch hierfür umzuformen. "Man redet gern über Juden, aber nur ungern mit ihnen" So scheint es mir auch hier, in diesem verordnetem Gedenken, in dem alles nur Freudentaumel sein zu haben scheint.

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Buchbetrachtung: Die Torah als Ebook

Anfang Dezember wurde die Welt der deutschen Torah Ausgaben mit einer weiteren Variante bestückt. Soviel Auswahl gibt es nämlich gar nicht und erst recht keine, die dem modernen Sprachverständnis in etwa nahe kommen.
Mein persönlicher Favorit bisher war immer die die Mendelssohn Übersetzung, sie las sich für mein Gefühl am besten, musste allerdings auch ohne Kommentare auskommen.Wenn man allerdings kein Faible für die Mendelssohn'sche Sprache hat, ist das keine Alternative. Schön kommentiert wiederum fand sich die Variante von Plaut - allerdings wenig handlich und irgendwie schlecht bis verwirrend zu lesen. Die allgegenwärtige Zunz Version, die in fast allen Synagogen genutzt wird und sicherlich bei jedem von uns irgendwo im Regal ist quasi der Klassiker.

Das hier eine Lücke herrscht, war nicht nur Chajm Guski klar. Er füllte sie nun. Was genau er änderte und warum, liest man am besten unter dem Link oben.
Ich habe das Experiment gewagt und mir die Ebookversion zugelegt. Eine deutschsprachige Torah als Ebook gab es noch nicht. Ich war neugierig. Da ich auch am Schabbat Strom nutze, steht es also für mich nicht im Widerspruch. Außerdem habe ich sie so immer dabei  - auch im Urlaub. Und wer sagt, dass Torahlesen nur am Schabbat angesagt ist?

Das schöne Design, das man hier für die Papiervariante sehen kann, gibt es natürlich nicht. Dennoch findet man auch im Ebook die wunderbaren Kurzüberschriften wie z.B. "Der Regenbogen" und "Zählung". Was im Übrigen eine großartige Idee ist. Denn oft geht es einem ja so, dass man noch in etwa weiß, welche Geschichte man nachlesen wollte, aber nicht mehr das Buch oder gar Kapitel. So bekommt man in knappen Worten, worum es jeweils ging. Danke dafür!



Ebenfalls anders als in der gedruckten Variante geht das Ebook mit den Kommentaren um. Diese finden sich nicht auf der jeweiligen Seite. Es verrutscht dadurch auch nichts, wenn man sich die Schrift größer stellt. Stellen mit Kommentaren sind mit linkhinterlegten Nummern versehen. Berührt man diese, gelangt man zu den jeweiligen Kommentaren. Mit der "Zurück"-Funktion kommt man dann wieder direkt zur vorher gelesenen Stelle.

Alles in Allem eine wirklich gelungene Ausgabe für einen klassischen Ebookreader. Das Buch ist ohne DRM zu erwerben und kann so an allen gängigen Geräten genutzt werden. Das iPad habe ich nicht getestet, da ich kein iTunes habe. Abgesehen davon lese ich auch lieber auf dem Sonyreader, wenn schon nicht auf Papier.

Die Haftarot mussten bisher ausgelassen werden. Chajm verspricht sie nachzuliefern. 

Apropos Papier. Die vorsichtig angepasste Sprache und die durchdachten Kleinigkeiten werden mich mir die Torah zu meinem Geburtstag schenken lassen. Wirklich sehr sehr schön geworden. Danke Chajm, für all die Mühe! Man merkt, Du bist ein Praktiker. Ich freue mich auf die Haftara Ausgabe!
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Ausstellungsrundgang "The Eyes of War" im Deutschen Historischen Museum Berlin

Eher zufällig erfuhr ich von der neuen Ausstellung "The Eyes of War" im DHM. Am vergangenen Donnerstag bot sich Gelegenheit, vorbeizuschauen.

Gezeigt werden hier Portraitfotografien von Martin Roemers. Menschen, die durch die Kriege und ihre Auswirkungen ihr Augenlicht verloren - und teilweise nicht nur das. Begleitet werden die großformatigen Nahaufnahmen durch Ausschnitte aus Interviews mit den Dargestellten.

Man muss nicht viel zum Inhalt sagen, ein paar Sätze habe ich mir notiert und möchte sie hier für die Ausstellung sprechen lassen:

Edith van der Meulen (Niederlande, 1931) © Martin Roemers, Delft
"Ich bin keineswegs schwerbeschädigt, ich bin blind."
(Edith van der Meulen, Niederlande)

"Gott hat es so gewollt, um mich für meine Sünden zu strafen. Über meine Sünden möchte ich nicht reden, das ist mein Geheimnis. Aber ich weiß, dass ich meine Strafe verdient habe."
(Heinz Dembrowski, Deutschland)

"Wenn ich das Augenlicht wieder erlangen könnte, würde ich gern Landschaften und Gemälde sehen."  
(Barbara Bell, Großbritannien)

Karl Chromik (Deutschland, 1922), © Martin Roemers, Delft

 "Aber von den Frauen halte ich mich fern, denn ich will auch ein bisschen Ruhe"
(Karl Chromik, Deutschland)


"Dieser Sergeant hat mir eine Granate zugeworfen. Was mit ihm passiert ist, weiß ich nicht."
(Albert Serdet, Großbritanien)


"[...] aber ich war dumm und hatte keine Angst."
(Gerda Degenhardt, Deutschland)

Es ist keine Ausstellung, die nur von Schmerz und Leid erzählt. Das tut sie auch. Doch sie erzählt vor allem auch vom Leben. Positioniert so manches "erste Welt Problem" wieder dorthin, wo es hingehört, macht nachdenklich aber auch guten Mutes. 



Man sollte Zeit planen. Die Texte sind kurz und auch alle lesbar, Ermüdung tritt nicht ein. Leider ist es dem Design nicht gelungen, auch eine englischsprachige Variante unterzubringen. So muss man sich mit Extraheften bedienen, die am Eingang zu finden sind, so wie im Übrigen auch die Variante in Braille. Der Versuch aber, die Ausstellung mit Blindenleitsystem auszustatten ist m.E. gelungen. Wirklich beurteilen können das allerdings nur die Fachleute selbst. Die Kontraste auf dem Boden sind vermutlich zu gering, werden aber durch die Verwendung von schleifpapierartigem Material wettgemacht.

Der einzige Knackpunkt, der gerade bei solch einer stillen Ausstellung, aber auch sonst (noch) im DHM auffällt ist die Wahl der Audioguidemodelle. Es gibt heutzutage tatsächlich auch Geräte, die es erlauben, die anderen Ausstellungsbesucher mit ihrer Beschallung nicht zu stören. Mich haben sie (wieder) extrem irritiert und gestört. Gerade weil dies eine Ausstellung auch für Blinde sein soll, wäre es gut gewesen, diesem Punkt hier auch mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Ist ein Sinn eingeschränkt, so werden die anderen wacher. Wenn mich die Beschallung schon stört...

Ergo, unbedingte Besuchsempfehlung! Lesen, Zeit nehmen, wirken lassen. Wirklich gelungen. Danke dafür, DHM!
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Ausstellungsrundgang "Haut/ab - Haltungen/zur/rituellen/Beschneidung" im Jüdischen Museum Berlin

Gestern Abend, einen Tag vor Eröffnung, durften einige Twitterer und Blogger schon einen Blick in die Ausstellung "Haut/ab" werfen.


Die Ausstellung betont, die Debatte nicht wieder aufgreifen zu wollen. Ich war zunächst etwas kritisch, denke aber, es ist gelungen. In drei Räumen wird zunächst eine allgemeine Einführung zur Beschneidung gegeben, die keineswegs nur eine jüdisch/muslimische Angelegenheit ist.

An ausgewählten Objekten wird daraufhin eine Einführung zur Beschneidung im Judentum gegeben, bis zum modernen Beschneidungsset aus einem Krankenhaus in Israel.

Man beginnt also mit einem Überblick in welchen Ländern Beschneidung wie verbreitet ist, man wird begrüßt von verschiedenen Skulpturen, davon nur eine unbeschnitten. Gerade diese zu finden, hat sich laut Cilly Kugelmann als besondere Herausforderung dargestellt, da die Zeiten Nasen und Penisse nicht gut überstanden haben.

In ihrer Reduzierung überraschte mich die Ausstellung in der Tat, ganz besonders mit dem Wissen, was das JMB so alles zum Thema hätte. Kompliment also für den ersten Raum für die Zurückhaltung!


Auf einem großen Tisch, der sich durch alle drei Themenräume zieht, werden einzelne Objekte präsentiert. Von alten und neuen Beschneidungssets, Anleitungen zur Bescheidung zu ärztlichen Bescheinigungen. Die Wände werden durch Zitate und ein paar Fotografien begleitet. Dem Tisch folgend geht man vom Raum "Judentum" zum Raum "Islam". Dieser schien am gestrigen Abend
noch am unvollständigsten. Die "Beschneidungstracht" der türkischen Jungen dürfte hierzulande hinlänglich bekannt sein. Spannung verspricht ein Schattenspiel, das angedeutet werden sollte. Es wird auch in einer Veranstaltung extra zu sehen sein.

Ganz anders zeigt sich der Raum zum Christentum. Die Thematisierung der Beschneidung Jesu, der Umgang mit dem Widerspruch bis hin zu Ritualmordlegenden, all das findet sich sehr zurückhaltend mit Gemälden, u.a. Peter Paul Rubens. Der Rassenwahn der Nationalsozialisten wird lediglich durch eine Ausgabe des "Stürmers" gezeigt, der den Unsinn der Ritualmordlegenden wieder aufgriff.


Dennoch kommt man nicht herum, die vor drei Jahren stattfindende Debatte, die Gesetzesvorlagen und vor allem die Reaktionen aufzugreifen. All das findet man in einem Raum zum Abschluss, in dem man sich reichlich Zeit nehmen sollte, sich all das noch ein Mal zu vergegenwärtigen und vielleicht zu überdenken, was an allem wirkliche Sorge um die Gesundheit und was gern gefundenes Fressen für alte Vorurteile zu sein gewesen war.

Mich hat die Ausstellung angenehm überrascht und ich empfehle sie gern weiter. Ohne Emotion, ohne Debatten, einfach zur Information. Das will sie (hoffentlich) sein, und das ist sie geworden.

»Personalausweis«, Fotografie von Harley Swedler, New York, 2014




Aura - Warten auf den Schmerz

Sie kommt plötzlich. Bricht in den Tag ein und hat die Kraft, alles zu ändern. Man kann sich auf sie nicht vorbereiten. Sie ist da. Sie ist selbst Vorbereitung in sich.
Wenn es gut geht, ist man irgendwo in Sicherheit, zuhause, in geschützter Umgebung. Zu oft schleicht sie sich an, wenn man sie am wenigstens erwarten, sie noch viel weniger brauchen kann. Im Meeting, im Verkehr, beim Essen, in der Prüfung.
Sie nimmt das Licht, tut, als hätte man zu lang ins Licht gesehen und geht nicht. Wird stärker, bleibt bei geschlossenen Augen, ist immer da. Blitzt, drückt, greift über. Blindheit komplett mitunter, eingefroren am Ort des Seins. Warten. Warten auf ihr vorübergehen. Warten auf das Danach. Angst. Was wird sein. Wie lange bleibt sie? Wer kommt danach. Unsicherheiten. Die Zeit verloren, die Zeilen, die Welt verschwommen. Der Weg nach Hause in den Minuten der Fähigkeiten. Das Warten, das Warten. Das Augen schließen. Reizlosen Schutz hinter den Lidern suchen, nicht finden. Sich selbst nicht mehr wahrnehmen. Nur noch die helle Dunkelheit. Das Warten.

Das Warten auf den Schmerz. Die Minuten wenn sie geht. Manchmal nur Sekunden, der Freiheit. Sie geht ab von der Bühne des Gehirns. Die Synapsen erholen sich, man hofft. Hofft, davonzukommen. Hofft, nur mit dieser Schwächung in den Tag zurückzukehren, in die Nacht. Ein Schnitt im Tag. Erschöpfungen durch Blindheit. Die Plötzlichkeit, die niemand sieht. Die man nicht erklären kann. Die nicht verstanden wird und die lähmende Angst.

Tage, an denen er nicht kommt, der Schmerz sind selten. Doch es sind die Tage, auf die man hofft. Tage, die nur Ruhe für das Hirn suchen. Tage aber, in denen sie nur der Anfang war, die Aura. Anfang der Hölle, die kommen wird. Sie die Vorbotin. Aura, die doch sonst als Licht und Glück auf Gemälden gebracht wird. Aura heißt für uns, die sie sich auserwählt, den Hades. Das Ende. Es gibt keine Flucht. Man muss die Reise antreten, die Reise in den Schmerz, der so überwältigend ist, dass man tot sein will. Trotz allem Wissens, dass es vorübergehen wird. Schmerzen ohne Gnade, ohne Hilfe, ohne Grund.

Der Schmerz, er kommt. Er ist da. Er macht nicht die Angst, die die Aura macht. Die hinterhältige, bösartige Schlampe. Der Schmerz, er ist da, er ist brutal, er ist ehrlich. Er macht nichts vor, spielt keine Spiele, lässt nicht in Unsicherheit,  er quält in allem, was er aufbringt. Er ist greifbar, unerbärmlich, er schreit Dich an und erniedrigt Dich. Prügelt auf Dich ein, zwängt Dich, drückt Dich fest zu Boden, schwere Nägel in der grauen Masse, immer und immer wieder. Nimmt Dir Luft und weckt Dich, wenn Du zu erschöpft bist, um wach zu sein. Schüttet Dir den kalten Eimer Schmerz ins Gesicht, um weiterzumachen. Immer weiter, immer wieder. Und irgendwann hat er genug, die Lust an der Qual verborgen und gibt neues Leben. Eine Wiedergeburt jedes Mal....