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Die Mesusa meiner Mutter


Gestern war irgendetwas anders, als ich meine Mutter besuchte. Am dunklen hohen Türrahmen ihrer Wohnung fehlte etwas: ihre Mesusa. Sie sah offensichtlich, dass ich kurz stutze. Sie ist nicht religiös. Die Mesusot allerdings waren ihr immer wichtig. 

Sie erklärte, sie hat sie entfernt, da im Haus eine Wohnung frei sei und man "merkwürdige Leute" gesehen hatte, die sich die Wohnung ansahen. Und auch überhaupt waren dadurch zu viele Fremde im Haus. Sie will nun abwarten, wer die Wohnung bekommen wird. Auch den Nachbarn grusele es schon beim Gedanken an die potentiellen Nachbarn, die gesichtet wurden.  

Auch in der Wohnung selbst waren sie weg. In letzter Zeit mussten einige Handwerker empfangen werden - man wisse ja nie. 

Viele, die ich kenne, haben ihre Mesusa, wenn überhaupt, im inneren Rahmen der Eingangstür. Andererseits machte ich auch die Erfahrung, dass nur die Wenigsten überhaupt wissen, was das überhaupt ist. Oft reicht die Erklärung, dass es sowas wie ein Glückbringer für die Wohnung sei. 

Der Glücksbringer an der Wohnung meiner Mutter ist für den Moment weg. Ob sie wieder aus der Schublade kommt. Wir werden sehen. Dennoch, ein denkwürdiges Zeichen. 
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Zur Demonstration heute

Heute, eigentlich gleich findet in Berlin wieder die sogenannte "Al Quds Demonstration" statt. Wie jedes Jahr wird nicht nur in Berlin gegen Israel gerufen. Wie jedes Jahr kann es zufällig vorbeikommenden Touristen, die als Juden erkennbar sind, passieren, beschimpft zu werden. Dieses Jahr allerdings vermutlich noch mehr. Die Stimmung ist aufgeheizt.

Längst scheint es mir ein Vorwandt zu sein. Längst geht es nicht mehr um Frieden. Wenn Frieden gewollt wäre - von beiden Seiten, wäre die Region nicht da, wo sie jetzt ist. Die Bevölkerung eines kleinen Streifens Land muss zahlen für seltsam anmutende Fantasien von Extremisten, die sonst keinerlei Rückhalt mehr haben.

Nur heute, heute wird in Berlin einiges anders sein. Ich rechne mit vielen gewaltbereiten Demonstranten, die vielleicht nach den Medienberichten in den vergangenen Tagen darauf achten werden, nicht mehr Juden per se den Tod zu wünschen, aber dennoch einem Staat und damit der gesamten Bevölkerung des Landes. Man möge sich selbst über den Ursprung dieses Tages informieren, bevor man mitmarschiert, in vielleicht bei einigen noch guter Absicht.

Doch eines wird anders sein heute. Heute werden nicht nur einige versprengte Grüppchen versuchen, ihre Transparente dagegen hochzuhalten. Heute werden es mehr sein. Ich hoffe es. Und dennoch, dennoch habe ich die Befürchtung, dass es zu Ausschreitungen kommt. Die Polizei ist vorbereitet, damit rechne ich. Und ich hoffe, es wird nicht zuviele geben, die diesen Tag als Ausrede für Krawall nutzen.

Und ich hoffe, immer mehr, dass auch die Menschen endlich sehen, wie sehr die Menschen in Palästina unter den Bedingungen leiden, wenn die Fördergelder nicht in Schulen und BIldung, in Aufbau der Wirtschaft und ein besseres Leben gesteckt, sondern in Tunnelbau, Raketenbeschaffung und Aufrechterhaltung der teils menschenunwürdigen Situationen. Denn wären die Menschen zufrieden, hätten Extremisten keinen Zuspruch. Könnten die Menschen ihre Arbeitsplätze auch in Israel wieder aufnehmen, ginge es ihnen besser und vielleicht auch den Firmen die einst auf sie vertrauten.

Ich wünsche mir Frieden. Und ich wünschte, dass sich die europäische Welt mit all ihrer Energie und ihrem Elan so sehr für all die anderen Regionen einsetzen würde, wir für diesen Streifen Land. Ich wüschte, man würde die Augen in all die Ecken dieser Welt werfen, in denen die Menschen von ihrer eigenen Regierung unterdrückt und benachteiligt werden, in denen Frauen erniedrigt, Vergewaltigungen als Kriegswaffe eingesetzt werden, in denen Kinder keine Lebenschancen hätten, in denen Religion allein und nicht Demokratie den Ton angibt. Oder ganz einfach, wie es Richard Schneider kürzlich twitterte:



Alles, was ich eigentlich sagen wollte. Ich wünschte, es wäre wirklich ein Schabbat Schalom. Frieden für Alle. Egal ob im Nahen Osten, in Afrika, Asien, Europa, Berlin. Ich wünschte, niemand würde mehr sterben müssen. Ich wünschte, man würde beginnen, sich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren. Das Glück des Lebens und was wir daraus gewinnen können.

Bitte passt heute in Berlin auf Euch auf. Es wird ein unruhiger Arbeitstag für mich. Aber ich weiß, dass viele aufstehen. Meine Angst ist im Moment nicht mehr die selbe, wie noch ein paar Tagen. Doch sie ist erwacht und sie ist wachsam. 
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Und das Land schweigt

Man will uns kriegen, man sagt, man wisse, wo wir wohnen, man droht uns, bedroht uns, geht auf uns los. Hier in diesem Land, auf offener Straße. Und was tut dieses Land? Warum gibt es keinen Aufschrei, kein Ruf des Haltens gegen Menschen, die so etwas rufen? Warum sieht man zu, dass nach dem Gas gerufen wird, in das wir gehen sollen? Warum sieht man zu, dass auf Transparenten "Angeblich früher verfolgt..." steht? Wo ist der Aufschrei der Bevölkerung, wenn solche Menschen, denen es allein um ihren Hass gegen uns Juden geht, die keine Differenzierung machen, über die gleichen Straßen marschieren wie es einst die Nazis taten? Wo ist die doch sonst so gern empörte Gesellschaft? Wo der Wutbürger? Wo? Ich wünschte, all die Rechtschaffenden, die sich für Bahnhöfe, gegen die Fällung von drei Bäumen am Landwehrkanal, für Nichtbebauung von Flughäfen einsetzten, würden auch genauso laut gegen das stellen, was gerade vorgeht.

Eine Fahrt durch das Land

Wieder sitze ich im Zug, einmal durch Deutschland. Die Felder gleiten vorbei, grün, sonnenblumengetupft, gelb gemäht. Der Morgennebel legte sich. Einzelne Rehe beim reichen Picknick.

Es ist ein reiches schönes Land. Und doch wundert mich die Unzufriedenheit der Menschen. Ist es tatsächlich so schwer geworden dankbar zu sein, für das, was wir hier haben? Fast scheint es, als müsse man all das, weil es doch im Überfluss zu sein scheint, niederreden. Warum gelingt es so wenigen zu sagen, ja, wir haben viel, also lasst uns geben? Warum sehen die Menschen nur ihre eigene kleine Perspektive, unwillig, einmal den Turm zu erklimmen und von oben auf all das zu schauen?

Die Oberflächlichkeit scheint die Oberhand zu gewinnen. Die Sorge um den Nachbarn nicht mehr als ein Lippenbekenntnis. Die Menschen sterben einsam und Schwächere werden gedemütigt. Ich verstehe es nicht. Ich verstehe nicht, wie man glücklich wird in der Selbsterhöhung, man ausgeglichen sei in der Verletzung anderer.

Es ist wohl der Preis eines langen Friedens, der Preis unvergleichlichem Wohlstands und der Preis der Erziehung, in der es nur um den Einzelnen geht. "Ich bin nur mir selbst verpflichtet." ist ein Satz, den ich öfter höre. Ein Satz, der nur einsam machen kann.

Was also spricht dagegen, Gelassenheit zu üben? Was spricht dagegen, vielleicht nicht den superhippen Job zu haben, dafür aber erfüllt zu sein? Was spricht dagegen, die Leistung anderer zu achten, als sie niederzutreten? Was spricht dagegen, nicht mehr nach dem Haar in der Suppe zu suchen?

So fahre ich durch dieses Land. Für kurze Momente mit dem Blick nach draußen, die Welt wie sie ist vergessend, Ruhe findend. Dann doch werden die Gedanken zurückgezogen. Zu all den sinnlosen Toten, dem Schmerz und dem Unglück, das sich doch gerade zu mehren scheint. Und ich weiß, die Menschen lernen nicht. Nicht aus den vergangenen Kriegen, nicht aus den jetzigen. Sie werden sich immer töten, sich hassen, sich vertreiben.

Wenn ich hinaus sehe auf die vorbeiziehende Welt, wäre ich gern einer dieser einsamen Bäume...irgendwo da draußen. Frei wachsend nach allen Seiten. Nicht eingeengt durch Mauern und andere Bäume, ungefährdet der Fällung. Einfach nur nicht denken müssen, nicht den Schmerz sehen, nur die Schönheit dieser Welt, die erst Schlagzeilen braucht, um Aufmerksamkeit zu erregen. Dabei ist doch gerade die Ruhe und der Reichtum das, was uns macht. Wir haben Chancen und Möglichkeiten, wie keine Generation vor uns. Doch wir nutzen sie nicht. Wir sehen nicht.