Das Flirren des Sommers

Diese Sommer, diese flirrenden Sommer der Kindheit. Sie sind weg, vergangen. Nicht mit der Kindheit. Flirrende Sommer scheinen gen Süden gezogen, da kann man sie finden, muss sie suchen. Wochen von Hitze, Trockenheit, bestimmt durch das Zirpen der Grillen. Seit Jahren vermisse ich sie in unseren Breiten. Seit Jahren erscheinen die Sommer nur noch wenige Tage zu haben, gebrochen durch die nasse Kälte des Regens, der auch kein Sommergewitter mehr ist. Regen, der keine Blasen wirft, vielmehr nur noch mit kurzer heftiger Gewalt auf uns nieder bricht uns Spuren hinterlässt.
Der Geruch nach dem Sommerregen, auch er ist gegangen, seit der Asphalt nicht mehr heiß genug wird. Keine Teerrillen mehr über die man springen muss, damit man nicht in ihnen versinkt und eine Spur an den Sohlen der Schule behält.

Das Flirren ist verschwunden. Die Erinnerung daran birgt die Hoffnung auf die Rückkehr.
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Neujahr 5775

Es ist Rosch Haschana. Seit Jahren nun gehe ich nicht mehr in die Synagoge. Seit Jahren bin ich irgendwo auf der Welt, dort, wo es schön ist. Dort wo die Schöpfung noch Schöpfung ist, wo der Mensch nur Teil und schnell wieder weg zu denken ist.
Hier am Strand Korsikas scheint alles so fern, so schön, so wild. Vergessen dieser Sommer voller Hass, voller Ängste und doch spüre ich sie noch. Noch immer sind sie da. Die Freunde überwiegt indes, und die Dankbarkeit. Ich bin geboren ohne Bomben, ohne Raketen. Ich darf fast überall hin reisen, darf lernen, studieren, denken, sagen, was ich will. Die Chancen, die ich habe, sind noch immer Wunder für mir. Mit jedem Grenzübertritt, der kein wirklicher mehr ist. Jeder warme Sonnenstrahl, wenn zuhause der Frost Einzug hält. Einschlafen mit Meeresrauschen. Glück.

Ich wünschte, jeder hätte es, dieses Glück.

So denke ich auch in diesem Jahr und nicht erst jetzt an all die unnötigen Toten, die im Namen irgendeiner "Gerechtigkeit" getötet wurden. Es geht in diesen Kriegen nicht um Religionen, wie zu leicht so gern behauptet wird. Es geht m Menschen und ihre Gier. Gier nach Macht, Geld, Einfluss. Nichts sonst. Auch, wenn wir keine Religionen hätten, gäbe es noch Kriege. Die einen nehmen heute Religion und "Gottesstaat" als Begründung, die anderen Kapitalismus, den sie Demokratie nennen.

Für mich hielt dieses Jahr die ersten wirklich direkte persönliche Bedrohung parat. Gleichzeitig aber auch so viele wunderbar geistreiche Menschen, die ich ohne Twitter nie entdeckt hätte. So, dass ich doch weitere an das Gute im Menschen glaube und weiter daran glaube, dass Frieden möglich ist. Wir müssen ihn wollen und unsere eigenen Kleinlichkeiten auch hintanstellen. Etwas Demut und Dankbarkeit für unser in allem doch luxuriöses Leben, etwas abgeben - das schadet nicht. Und weiter an den Frieden glauben.

Das Paradies ist nicht irgendwo - es ist genau hier auf der Erde. Wir müssen es nur dazu machen, ohne Hass und Gewalt.

שנה טובה ומתוקה
Schana Towa u'metuka.
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Gedanken zur Kundgebung heute am Brandenburger Tor

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich wirklich etwas dazu schreiben sollte. Zu dieser Kundgebung heute. Meine Zweifel und Gedanken. Ich habe überlegt, weil ich Verurteilungen entgehen wollte. Verurteilungen durch andere Juden, die es schätzen, dass man die Dinge hoch aufhängt, schließlich kommt ja Angela Merkel auch, und Verurteilungen durch Gutmenschen, die sich laut mit ihrer Teilnahme hervortun.
Nachdem nun heute morgen in der Süddeutschen Zeitung der Artikel "Antisemitismus - Deutschlands fürchterliches Schweigen" erschien, sehe ich, dass meine Gedanken geteilt werden. Das gibt Mut, zu schreiben. Schlimm genug, dass ich überhaupt Mut brauche, über das zu schreiben, was mich bewegt.

Es einige Probleme, die ich mit der Kundgebung heute habe. Eines Thorsten Schmitz in seinem Artikel oben hervorragend wieder: Warum, muss so eine Kundgebung erst vom Zentralrat organisiert werden? Für mich erscheint es vielmehr als ein dadurch oktroierter Pflichttermin für so manchen, der weiß, wann man was sagen sollte und müsste...tief drinnen aber...nun, die Erfahrung hat wohl schon jeder, nicht nur an Stammtischen gemacht. Tief drinnen aber sieht es anders aus. Das selbstauferlegte Verbot, Dinge zu sagen und dafür Dinge zu sagen, die nur Lippenbekenntnisse sind, sind die Crux unter der wir leiden. Auf diesen Promikundgebungen finden wir keine Wahrheit über Judenhass in Deutschland. Die finden wir mittendrin in der Gesellschaft. Diese Wahrheit ist erschreckend und wird es mit jedem Jahr mehr, sie ist nicht überraschend trotz allem. Resignation setzt ein. Doch es gibt sie, diese Funken, Lichter, die im Grauen erscheinen. Diese Funken und Lichter werden heute nicht wohlbeschützt auf der Bühne am Brandenburger Tor stehen. Sie erscheinen klein, werden nicht gesehen und sind doch die wichtigsten Menschen, die es in Europa gibt, wenn es gilt, den Hass zu bekämpfen. Und ich spreche vom Hass allgemein. Nicht nur den auf Juden, auch den auf die Flüchtlinge, die hofften, hier ein neues Leben beginnen zu dürfen, den noch immer schwelenden Hass auf Homosexuelle, auf Sinti, Roma. Es scheint, als brauche der Mensch etwas zum hassen.

Ja, man wird gesehen werden, heute auf der Demonstration und man wird sich sagen, dass man da war, und man wird sich fühlen als guter Menschen, und man wird Dankbarkeit erwarten. Es bleibt ein schaler Beigeschmack, solange solche Kundgebungen durch die Opfer organisiert werden müssen und die Realität, das Leben das Gegenteil beweist.

Nie wieder Hass, auf irgendwen. Stellt Euch schützend vor Opfer im wirklichen Leben. Einigen wir uns doch einfach darauf.


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Erinnerungen an 9/11

Vor nun 13 Jahren saßen wir um diese Zeit im Keller des Jüdischen Museums. Die Eröffnung für das Publikum sollte um 15 Uhr sein. Am Tag zuvor war der sogenannte Stiftertag, an dem all jene das neue Museum besichtigen konnten, die dazu beigetragen hatten, dass es eben nicht nur leere Hülle blieb, sondern ihre Erinnerungen und Erinnerungsstücke schenkten. Für mich persönlich war dies die eigentliche Eröffnung, nicht die feierliche Eröffnung mit seinen Reden, seinen Prominenten, sondern dieser stille Tag am 10. September 2011.
Am 11. September, die Flugzeuge waren bereits in die Türme geflogen, saßen wir also dort. Ich weiß nicht mehr, ob die Panzer schon an diesem Tag vor das Museum gefahren worden und dann Wochen, vielleicht Monate dort blieben.
Nach Stunden wurde entschieden, nicht zu öffnen. Stunden, in dem das neu zusammengesuchte Team an Besucherbetreuern sich in einer Art kennenlernte, die nicht nur die beste war. Es gab die Menschen, die Freunde hatten, um deren Schicksal sie nicht wussten, Menschen, die selbst lange in New York lebten oder von dort kamen, Menschen, die einfach noch ihre Fassung suchten. Und erschreckend viele, die offensichtlich nichts empfanden und es auch sagten. Es war ihnen egal.

Zwei Dinge verbinde ich selbst mit diesem Nachmittag im Keller: zum einen, das Gefühl, dass die Hoffnung auf eine bessere Welt, die Hoffnung auf ein Leben ohne Kriege zwischen Ost und West, gestorben ist. Die kurze Phase, die mit dem Fall der Mauer begann war für mich an diesem Tag vorbei. Und dennoch ahnte ich nicht, was noch folgen würde, in welcher Welt wir heute leben würden. Zum anderen ist meine Erinnerung bestimmt von dem Kollegen, der schon gleich meinte, dass da "die Juden" dahinter stünden. Die Türme kaum eingestürzt, die ersten Schätzungen der Opfer nicht nur in New York wurden veröffentlicht, schon kam die erste Verschwörungstheorie und das erste Mal für mich, dass ich mit solcherlei Aussagen konfrontiert sein würde. Es würde nicht das letzte Mal gewesen sein.
Dieser Tage war es das Flugzeug, das vor Australien abstürzte und lange entschwunden war, dann gefolgt vom Flugzeug, das über der Ukraine abgeschossen wurde.

Die Arbeit begann zwei Tage später. Der Kollege, der laut meiner Erinnerung nicht lange bei uns blieb, wurde von anderen direkt zurechtgestutzt. Dennoch, das ist was blieb, jedes Jahr heute kommt die Erinnerung wieder. Etwas später zog ich nach New York. Es folgten Jahre des Pendelns nach Berlin...und jedes Mal flog auch die Angst mit, die Angst vor unberechenbaren Menschen. 

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Das, was ich vermisse. Erinnerungen an das Land meiner Kindheit. #de25

Bücher (7304171958)Angeregt durch die Artikel im Zeit-Magazin "Ostdeutsche: Tut doch nicht so, als sei alles in Ordnung" möchte ich auch hier Texte veröffentlichen, die ich in den letzten Jahren schrieb, teils auch an anderer Stelle. Sie wurden meist um den November geschrieben...Erinnerungen an das Land, in dem ich aufwuchs - und das wohl ein Anderes war, als das, an das sich die meisten erinnern.